Geschichte des Willicher Schützenfestes
Der Anfang unseres Willicher Schützenfestes liegt im Halbdunkel mittelalterlicher Stadtgeschichte. Eine alte Überlieferung sagt aus, dass die St. Sebastianus Brüderschaft hier um 1475 ins Leben gerufen wurde. Die Brüderschaft sollte sich damals im Auftrag von Erzbischof Ruprecht von der Pfalz, die damals herrschende Pest abwenden. Die damaligen Sebastianus Schützen waren oft Kerngruppe der Verteidiger auf den Mauern die Willich mit Gräben umgaben. Aus der Chronik geht hervor, dass es damals Willicher Bauern und Schützen waren, die am 20 April 1591 den Vorhof der Kollenburg (auf der Dickerheide) von niederländischen Truppen befreiten. Die Schützen in der Bruderschaft mussten damals schon eine verschworene Truppe gewesen sein. Sie ist aus einer Überlieferung aus dem Jahre 1780 zu lesen: Wer aufgenommen wird muss in jeder Hinsicht einen unbescholtenen Ruf haben, weder der Trunksucht noch dem Spiele noch anderen entehrendem Lastern ergeben sein und darf seit den letzten 5 Jahren keine Unterstützung aus der Armenkasse erhalten haben.“
Mit der Fortentwicklung des Rüstungswesens und der Bildung stehender Heere nach dem Dreißigjährigen Krieg, verloren die Schützengemeinschaften vorübergehend ihre Stadtgebundene parlamentarische Bedeutung. Die traditionelle Schutzbereitschaft äußerte sich in dieser Zeit mehr in karikativen Handlungen und religiösen Aufgaben.
So heißt es weiter: Die Schützenbrüder stellen sich am Fronleichnamstage und am Allerseelentage unter die Fahne und wohnen der Prozession bei. Eine Tradition die bis heute fortbesteht.
Doch gab es in früheren Jahrhunderten nicht nur die St. Sebastianus Schützenbrüder, sondern auch andere Bruderschaften mit ähnlich lautenden Statuten und Aufgaben. So muss es eine Bruderschaft des Heiligen Jakobus gegeben haben.
Um 1670, nach dem Dreißigjährigen Krieg, könnten die Höfer Junggesellen später die Ökonomen Schützenbruderschaft gegründet worden sein. Sie rekrutierten sich vornehmlich aus Bauernhöfen. 8 Alte Fotos dokumentieren die Jahreszahl 1712 auf dem einstigen Königssilber.
Vor 1690 muss ebenfalls eine „Bruderschaft von Jesu und Maria“ bestanden haben, die während der napoleonischen Besetzung verboten und aufgelöst wurde.
Zur Stunde Null des neuzeitlichen. Schützenwesens wurde das Jahr 1704.
Auf Befehl Friedrichs des I., den man 1701 zum König von Preußen krönte, wurden in verschiedenen Städten des Rheinlandes und Westfalens Schützenkompanien gebildet, in die nur waffengeübte Männer aufgenommen werden durften.
In dieser Zeit, nämlich 1705, als in Willich der Bürger- und Handwerksstand auflebte, wurde die „Schützenbruderschaft der Junggesellen“, im Dorf auch „Bürger-Junggesellen-Schützen“ genannt, gegründet.
Eine Willicher Bürgerwehr gab es 1849, die aber nur ein Jahr unbedeutend tätig war. Galt es, wie bereits erwähnt, bis zum Abschluss des westfälischen Friedens im Jahre 1648, Heim und Herd sowie das eigene und des anderen Leben zu verteidigen, wurde danach das Leben in den Bruderschaften der Zeit angepasst.
Man setzte halt Tradition fort. Nicht vorenthalten möchten wir dem Leser einen Auszug aus den Statuten, in neuzeitlicher Sprache!
Jährlich soll nach altem Brauch am zweiten Sonntag nach Ostern der Vogel geschossen werden. Dazu sollen sich alle Brüder mit einem guten Schießgewehr versehen, bei den Brudermeistern und dem alten König versammeln und unter seiner Führung mit Trommeln und Fiedeln zur Schießrute (heute „Schettruh“/Moosheide) ziehen.
Nach der Verlesung der Statuten wird die Reihenfolge der Schützen durch das Los festgelegt. Zuerst schießen die Vertreter der Obrigkeit, die Adeligen und Geistlichen, dann die anderen Schützen.
Statuten
Ist der Vogel gefallen, sollen die Trommel gerührt und das Fähnlein geschwenkt werden.
Die Brudermeister überbringen dem neuen König das Schützensilber seines Vorgängers. Er ist das ganze Jahr über dienst-, wach- und steuerfrei, kann diese Privilegien aber einem anderen Sebastianer übertragen.
Gedenkt der König ein Gastmahl zu veranstalten, soll er am Tag des Vogelschießens sämtliche Brüder, Fähnrich und Trommler mit einem Ohm (etwa 160 Kannen) Bier freihalten, außerdem dem Silber eine Platte im Wert eines Reichstalers anhängen. Die ‚ ‚Gasterei“ soll mindestens zwei Tage dauern. Weitere Bewirtungen sind nach jeder Prozession und nach dem Gottesdienst am Sebastianustag (20. Januar) zu halten. An diesem Tag soll jeder Bruder Brot mitbringen und, was nicht verzehrt wird, unter die Armen aufteilen.
Wer bei diesen Zusammenkünften einen anderen schmäht, soll zehn Quart (= Kannen) Bier zur Strafe zahlen.
Der weitere Verlauf
Das Willicher Schützenwesen und die Volksfeste der drei Willicher Schützengesellschaften verloren Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. Schützenfest wurde nur gefeiert, wenn es die Kassenverhältnisse zuließen. Mangelndes Interesse spiegelte sich in immer mehr abnehmenden Besucherzahlen wieder. 1885 zog dann die Bürger-Junggesellen-Bruderschaft anlässlich eines Sommerfestes letztmalig mit 19 Personen durch den Ort.
Carl Grootens, vom Vorstand der Bürger-Junggesellen-Schützenbruderschaft, war im Sommer 1886 Initiator einer Zusammenkunft der Vorstände der St. Sebastianus-, der Bürger-Junggesellen- und der Ökonomen-Schützengesellschaft. Sinn und Zweck war die Durchführung eines gemeinsamen Schützenfestes. Es versteht sich wohl von selbst, dass zunächst jeder um die Existenz der eigenen Bruderschaft besorgt war. Am Verhandlungstisch saßen Andreas Metzer, Theodor Leßmann und Jakob Schreiners von den St. Sebastianern; Josef Bützen, Gustav Klören und Robert Weyers von der Ökonomen Schützengesellschaft sowie Carl Grootens, Josef Leuw und Johann Wimmers von der Bürger-Junggesellen-Schützengesellschaft. Man einigte sich, trotz wenn und aber, in Willich ein „Allgemeines Schützenfest“ zu feiern. Ein zehnköpfiges Komitee erledigte die Vorarbeiten.
Der erste Absatz aus der neuen Satzung hieß: „Der Zweck der Vereinigung ist, die Einigkeit der drei Korporationen zu fördern und zu erhalten. Die einzelnen Korporationen sind das Jahr hindurch getrennt und treten zusammen, wenn dieselben ihr gemeinschaftliches, also das „Allgemeine Schützenfest“ feiern.“
Geblieben ist die Eigenständigkeit der St. Sebastianus Schützenbruderschaft bis auf den heutigen Tag. Allerdings ist die Bruderschaft beim großen Schützenfest in stattlicher Formation in Reihen des über 750 Mann zählenden Schützenheeres zu finden.
Das jüngste Kapitel des ASV beginnt wieder mit dem ersten Schützenfest nachdem Kriege im Jahre 1951. Etwa 245 Jahre nach dem Gründungserlass eines preußischen Königs war es ein britischer Residenzoffizier der damaligen Militärregierung, der im Jahre 1949 den Weg zu neuen Schützenaktivitäten in Nordrhein-Westfalen freigegeben hatte.
Heutzutage rechnet sich der ASV Willich die vielen Freunde, Förderer und Bewunderer zur Ehre an, die - längst nach Erlangung der Souveränität unseres Staates - eigens von der britischen Insel nach Willich kommen, um dem exakten und disziplinierten Schützenspiel auf dem Marktplatz beizuwohnen.
In einem Schlusssatz sei festgestellt, dass das Holzgewehr, welches die Schützen heute gleichsam spielerisch im Festzug tragen, eine letzte Erinnerung an vergangene Zeiten ist. Erlebt man das heutige Fest aufmerksam, stellt man hier und da jedoch nach wie vor fest, dass manches, in alten Statuten niedergelegte Brauchtum, in lebendiger Tradition erhalten blieb und weiter fortgeführt wird.
Quelle:
Buch: Festschrift zum 100. Schützen- und Heimatfest
Herausgeber: Allgemeiner Schützenverein 1886 e.V. Willich / Karl Kothen
