Chronik des Allgemeinen Schützenvereins 1886 e.V. Willich
Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Dieser Spruch könnte schon bei den Überlegungen unserer Vorfahren zu Grunde gelegen haben, als sie den Entschluss fassten, mit den drei in Willich gut und schlecht existierenden Schützenkorporationen ein gemeinsames Schützenfest zu feiern. Blieben auch zunächst die St. Sebastianus Schützenbruderschaft, die Ökonome Schützengesellschaft und die Bürger-Junggesellen in ihrem Vereinsleben eigenständig, so wollte man doch ein gemeinsames Schützenfest feiern.
Am 22. August 1886 fand unter dem ersten Präsidenten Josef Bützen das erste Allgemeine Willicher Schützenfest statt. Platzmajor war Johann Zellers und General Josef Bützen. Als ersten Schützenkönig feierte man Josef Vogt. Ein Reingewinn von 192 Mark, bei 450 Mark Gesamtkosten, ermutigte auch Skeptiker zum Weitermachen.
Eine positive Bilanz zog man auch beim zweiten Allgemeinen Schützenfest 1887. Schützenkönig wurde Christian Ellemann. 1888 stand Josef Grootens als Schützenkönig im Mittelpunkt eines Festes, das durch eine Militärkapelle und ein Bataillos-Tambourkorps des Füs. Reg. Düsseldorf aufgewertet wurde. Max Zillessen stand als neuer Präsident an der Spitze.
Nach Rudolf Schmitz im Jahre 1889 wurde Ludwig van Essen beim Vogelschießen an der Wirtschaft Möhlen im Jahre 1890 König von einem Schützenheer von 250 Aktiven in 17 Zügen. Erstmalig gab es zwei Musikkapellen. Blickfang waren die Brauburschen in Landsknechtsuniformen, so die ersten Zeitungsberichte.
Die Willicher Zeitung veröffentlichte nach dem Schützenfest 1891 folgendes Gedicht eines fremden Festbesuchers:
Zur Ehre Willichs werde bekannt, dass in der Runde weit und breit nicht solch gemütlich Fest ich fand, hervorgebracht durch Einigkeit.
Präsident Max Zillessen wurde Schützenkönig.1892 wurde Carl Grootens ASV-Präsident. Die Zeitung berichtete über einen Besucherrekord. Der Marktplatz war zu klein. Nach Abholung der Fahnen und des Generals am Nachmittag um 16.00 Uhr, holte Christian Ellemann auf dem Festplatz Möhlen zum zweiten Mal den Vogel von der Stange.
1893 spielten wieder das Inf. Reg. 56 aus Kleve und eine Kapelle aus Viersen zum Fest auf. Zum ersten Mal fuhr ein Sonderzug von Krefeld nach Willich zum Schützenfest, bei dem Eduard Bermes als König regierte.
1894 war der Schützenverein Hardt mit einer starken Abordnung vertreten. Ein Schützenzug wurde hierbei alleine von den Gebrüdern Sturm gestellt.
1895 wurde Bürgermeister Martin Rieffert zum Ehrenpräsidenten des ASV ernannt und Pfarrer Schmidt und Johann Schmitz zu Ehrenmitgliedern. Man verzeichnete einen Kassenbestand von 360 Mark.
1896 marschierten schon 20 Züge im Festzug zum neuen Schützenplatz an der Wirtschaft Heyer. Der eigene Zug der Kriegsveteranen fiel mit schwarzem Anzug und Spazierstock besonders auf. Zum Abschluss des Festes gab es ein Feuerwerk.
Die Zahl der passiven Mitglieder des Vereines wuchs stark. Daher ließ man 1897 zum Festkonzert am Samstagabend nur passive und aktive Mitglieder zu.
Eine Militärkapelle des lnf. Reg. 98 Metz und die Spielleute des Füs. Reg. 39 Düsseldorf versorgten 19 Züge im Jahre 1898 mit Marschmusik. Alleine 600 Fahrkarten wurden für den Schützenfestsonderzug verkauft.
500 Schützen zählte man beim Allgemeinen Schützenfest im Jahre 1900. Die Zugordnung: Vorreiter, General mit Adjutant, Grenadierzug Friedrich der Große, Major mit Adjutant, Platzmajor, sechs Grenadierzüge, Fahnenhauptmann mit Adjutant, die Fahnen der drei Schützenkorporationen und der Hardt, König mit Minister, Präsident mit Gefolge, Ehrengarde, Jägermajor und Jägerhauptmann mit Adjutanten, elf Jägerzüge sowie Feldwebel und Sanitätsmannschaft. Kaplan Düren schoss auf dem Festplatz der Wirtschaft Möhlen den Vogel ab. Da er jedoch von Amts wegen nicht als Schützenkönig agieren konnte, wurde an seiner Stelle Josef Schmitz zum Schützenkönig ernannt.
Für die Chronik interessant ist sicherlich ein Satz aus einem Telegramm an Kaiser Wilhelm II. anlässlich des Eingreifens deutscher Truppen beim Boxeraufstand in China: Circa 500 Willicher Schützen stehen hinter seiner Majestät Wilhelm II. und wünschen ihm viel Kriegsglück.
1902 zahlte man für eine Mitgliedskarte 50 Pfennige. Nach der Wachparade am Sonntagmorgen, man schrieb das Jahr 1903, teilte sich der Festzug. Eine Hälfte kehrte bei Ulrich Hauss auf der Bahnstraße gegenüber dem Krankenhaus ein, die andere Hälfte besuchte die Gaststätte Leyen. In beiden Gaststätten fand ein Morgenkonzert für die Schützen statt. Das Mittagsprogramm auf dem Festplatz der Gaststätte Engels wurde durch ein Gewitter gestört. Und so schoss Josef Hausmann erst gegen 19.00 Uhr den Vogel von der Stange.
Schon damals wurden die hohen Kosten für die Musik diskutiert. Trotzdem konnte sich 1904 eine Mehrheit für die Verpflichtung des Gren. Reg. König Karl aus Ulm durchsetzen.
Bei einem Kassenbestand von 1200,43 Mark im Jahre 1905, spendete man noch 100 Mark für die neue Kirchenorgel der 1901 eingeweihten Pfarrkirche. Der Sonderzug von Krefeld wurde erneut eingesetzt und zwischen Willich und Schiefbahn verkehrte zum Schützenfest eine eigens eingerichtete Droschkenlinie.
22 Schützenzüge belebten das Fest 1908. Die Zuschauerzahlen erreichten Größenordnungen wie noch nie. Planmäßige Züge waren überfüllt. 1100 Karten verkaufte die Bahn für Sonderzüge.
1909 wurde vom Allgemeinen Schützenverein Willich erstmals ein Zelt aufgebaut. Auf dem von Richard Hover kostenlos zur Verfügung gestellten Platz an der Kreuzstraße (Hover Kull) befand sich ebenfalls eine Kirmes. Eintrittspreis für Erwachsene: 30 Pfennige. Vorhandene Stallungen und Wagenremisen standen den auswärtigen Festbesuchern zur Verfügung. Zum ersten Mal wurde auch montags gefeiert.
Mit Böllerschüssen und Fanfarenklängen vom Kirchturm eröffnete man 1910 mittags um 16.00 Uhr das 25. Allgemeine Willicher Schützenfest. 14 Grenadierzüge, 15 Jägerzüge und zwei Ehrengarden bildeten mit 108 köpfiger Musik in zwei Kapellen einen stattlichen Festzug. 17 Silberjubilare wurden ausgezeichnet. Der Präsident erhielt eine Ehrenkette. Ein Feuerwerk am Montagabend setzte den Schlussstrich unter ein glanzvolles Jubiläumsfest.
Aufzeichnungen im Kassenbuch:
Einnahmen 9207,63 Mark, davon 2328 Mark Spenden, 1 Mark Jahresschützenbeitrag und Ausgaben in Höhe von 7640,15 Mark. Während des Festverlaufs im Juli 1914 dachte man noch nicht daran, dass durch
Kriegseinwirkung eine Zwangspause entstehen würde., Offiziere und Mannschaften der Grenadierzüge dürfen nur mit weißen Hosen antreten; so ein Appell zum Schützenfest im Jahre 1914. Übrigens stiftete
man damals zehn Prozent des Kassenbestandes von 1684,44 Mark an den Vaterländischen Frauenverein Willich zur Unterstützung hilfsbedürftiger Angehöriger von Soldaten.
Trat auch durch die Kriegseinwirkungen eine Pause ein, so ließ dieses den Willieber Schützengeist nicht abstumpfen.
1922 hörten acht Grenadierzüge, 18 Jägerzüge und drei Musikkapellen anlässlich des ersten Schützenfestes nach dem Kriege zum ersten Mal auf die Kommandos des altbekannten Platzmajors Franz Teschen und von Oberst Hans Langenfels. Inflation und Arbeitslosigkeit ließen 1923 wieder einmal ein Schützenfest nicht zu.
Eine Ehrung gab es für Carl Grootens beim Sommerfest 1926 für seine 50jährige Vorstandstätigkeit.
Den Beschluss, 1927 wieder zu marschieren, setzten die Verantwortlichen in die Tat um. Ein 126 Quadratmeter großes Festzelt stand erstmalig auf der Wiese von Lion, dem heutigen Schützenplatz.
Die Schützenkarte kostete eine Mark, eine Herrenkarte drei Mark und eine Damenkarte zwei Mark.
Schon damals stand der Montagmorgen-Frühschoppen hoch im Kurs. Hierzu füllten sich die Gartenanlage der Gaststätte Ulrich Hauss bis auf den letzten Platz.
Am Fronleichnamstag 1930 fand man sich, wie seit Gründerzeit, zur Generalversammlung zusammen. Ein Beschluss: Wegen hoher Arbeitslosigkeit waren die Schützenkarten frei und die Damenkarte kostete 50 Pfennige. Der Uniformverleih Hinzen gab den sieben Grenadier- und 22 Jägerzügen die Uniformen 25 Prozent billiger.
Die schlechte Wirtschaftslage zwang wieder einmal zur Pause. Dann gab es jedoch 1933 mit acht Grenadierzügen und 34 Jägerzügen das größte Schützenfest seit der Gründung des Allgemeinen Willicher Schützenvereins.
Der Rundfunk warb in einer Rundfunkwerbung Freitag- und Samstagmorgen um 11.00 Uhr im Jahre 1935 für das 50. Willicher Schützenfest. Die Hannen Brauerei brachte ein Jubiläumsbier heraus und alle Schützen trugen eine Jubiläumsschützenplakette. Ein Festbuch wurde ebenfalls herausgegeben. Fünf Kapellen, darunter zum ersten Mal nach dem Kriege wieder eine Militärkapelle, und zwar die der Landespolizei Düsseldorf, sorgten für zackige Marschmusik. 600 Besucher hatten erstmalig die Gelegenheit, die Parade und den Auftritt des Willicher Gesangvereines mit dem Lied Die Himmel rühmen... von einer Tribüne aus zu erleben.
Josef Hausmann schoss am Sonntagnachmittag den Vogel ab und wurde zum zweiten Mal Schützenkönig.
Die Zahl der Teilnehmer beim Fest im Jahre 1936 ging aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht auf sieben Grenadier- und 15 Jägerzüge zurück.
Mit dem Schützenorden am Bande zeichnete Präsident Carl Grootens zum Schützenfest 1937 Platzmajor Franz Tesehen aus. Ehrung erfuhr auch der langjährige Hauptorganisator des Festes, Karl Klücken. Mit dem Einsturz der Tribüne, bei dem es 46 Verletzte gab, lag ein schwerer Schatten auf dem Fest, bei dem Max Windhausen als König im Mittelpunkt stand.
Der Tod des verdienten Präsidenten Carl Grootens traf den Allgemeinen Willicher Schützenverein 1938 n einer ohnehin schweren Zeit. Die damaligen Machthaber wollten den traditionsgebundenen ASV zwingen, in den Deutschen Schützenbund einzutreten. Die Generalversammlung gab dem Vorstand Rückendeckung für eine Umbenennung. Es hieß nun nicht mehr Allgemeiner Schützenverein sondern Heimatverein. Gleichzeitig wollte man kein Schützenfest sondern ein Heimatfest feiern. Doch auch diese Bemühungen hatten keinen Erfolg. Wie der neue Präsident Heinrich Hausmann seinen Schützen damals sagte, musste mit einer Eingliederung in den Schützenbund gerechnet werden.
Die Schwierigkeiten spitzten sich 1939 zu. Der Deutsche Schützenbund erlaubte ein Abhalten des Festes nur, wenn der ASV über eine eigene Schießabteilung verfügen würde. Das Tragen von Gewehren und Rangabzeichen wurde verboten. Im Interesse des Vereins veranstaltete man jeden Sonntag ein Schießen auf der Kegelbahn Ulrich Hauss.
Vor Schützenkönig Willi Hehnen paradierten, wie sich nachträglich zeigte, vorerst zum letzten Mal, sechs Grenadierzüge und 16 Jägerzüge. Schützenkönig und der gesamte Stab durften nur in normalen Schützenuniformen das vorerst letzte Heimat- und Schützenfest feiern.
Der zweite Weltkrieg, der im gleichen Jahr ausbrach, ließ keine Feststimmung mehr aufkommen. Doch im Stillen hielten einige Brauchtumsgedanken und Tradition aufrecht.
1947 starb der Präsident Heinrich Hausmann. Nachfolger in der schweren Zeit wurde sein Bruder Josef Hausmann. Seine Bemühungen, wieder ein Schützenfest abzuhalten, begannen schon gleich nach der Währungsreform.
Beim gut besuchten Sommerfest der Schützen im Jahre 1950 wurde beschlossen, 1951 wieder ein Schützenfest zu feiern. Doch war dem Motor des Ganzen nicht vergönnt, Begonnenes zu vollenden. Heiligabend 1950 verstarb plötzlich der ASV-Präsident Josef Hausmann. Sein Sohn Heinrich Hausmann übernahm das Erbe seines Vaters.
Im Juli 1951 war Willich wieder mit Fahnen festlich geschmückt. Zwei Grenadierzüge und 17 Jägerzüge standen vor dem ewigen König Willi Hehnen in Reih und Glied.
Hans Kuhlen eröffnete als neuer König die Reihe der Könige der Nachkriegszeit. 22 Gold- und 56 Silberjubilare wurden geehrt und die durch Kriegseinwirkung verlorengegangene Präsidentenkette wurde durch eine neue ersetzt. Sie wird bis heute getragen.
Wolkenbruchartige Regenfälle und ein Gewitter setzten sonntags den gesamten Festplatz unter Wasser. Ein Gang zum Zelt war trockenen Fußes nicht mehr möglich. Abhilfe schafften die Soldaten der englischen Einheit. Sie legten Knüppeldämme bis ins Zelt. Hier hat auch die bis heute dokumentierte Verbundenheit zwischen dem ASV und den in Willich stationierten englischen Soldaten ihren Ursprung.
1952 fand während des Schützengottesdienstes am Sonntagmorgen um 7.30 Uhr in der Pfarrkirche die Fahnenweihe der neuen Fahne des Allgemeinen Schützenvereins statt. Die Enthüllung der neuen Fahne nahm Präsident Heinrich Hausmann bei der Morgenparade vor.
315 Schützen und 175 Musiker zählte man beim Schützenfest 1953. Peter Wilms wurde Feldwebel und Stellvertreter von Stabsfeldwebel Hännes Heyer. Karl Breuer wurde Adjutant des Platzmajors.
Generalitäten im Jahre 1890 :
Franz Teschen. Gemeindedirektor Heinrich Wegenaer, Bürgermeister Werner Maaßen und Pfarrer Paul Siepen wurden zu Ehrenmitgliedern des ASV ernannt. Am Eingang der Festwiese zählte man 3000 Besucher
mehr als im Vorjahr.
1955 erlebten erstmalig Tausende von Besuchern den Blumenkorso, das heißt den Aufmarsch der damals 35 Blumenfüllhörner. Dabei war die Hitze so groß, dass die Schiefbahner Feuerwehr nachmittags das Zelt abspritzte, um Kühlung zu bringen.
1957 sah man den allerorts bekannten Stabsfeldwebel Hännes Heyer nicht in Uniform. Der Grund war sein hohes Alter. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung wurde die Änderung und Reinigung der Satzungen von nationalsozialistischen Tendenzen beschlossen. Wichtigster Beschluss war wohl die Erfassung aller Schützen im Allgemeinen Willicher Schützenverein, im Zusammenhang mit einer Beitragszahlung von monatlich 50 Pfennigen. Alle Schützen erhielten einen Mitgliedsausweis und jeder Schützenzug ein Zugbuch, in dem das Zuggeschehen festgehalten werden konnte.
Während des Schützenfestes im Jahre 1958 machte den Verantwortlichen wieder einmal der Regen große Sorgen. Wegen Unwetters fiel die damals noch als Vorparade bezeichnete Parade, ohne weiße Hosen, am Samstag aus. Die englische Einheit legte mit Hilfe eifriger Schützen Knüppeldämme, damit der total aufgeweichte Festplatz begehbar wurde.
Das Fest im Jahre 1959 wurde zur großen Bewährungsprobe für das 75. Allgemeine Willicher Schützenfest. Auf Einladung des amtierenden Königs Wilhelm Hauss kamen am Samstagabend 19 von 24 noch lebenden Königen zu den Festivitäten. Regnete es im Vorjahr, so wurden in diesem Jahr zwei Luftgebläse gegen die allzu große Hitze im Zelt eingesetzt. Dafür erhielt der Initiator Peter Nilges (der Hötte Buer) einen Orden und wurde in humorvoller Weise zum Luftmarschall ernannt.
Nach dem 75. Jubelfest war es schwer, etwas Gleichwertiges beim 76. Schützenfest auf die Beine zu stellen. Schon bei der Königssuche gab es Probleme. So blieb letztlich für Johannes III. Grafschafts kaum Zeit zur Vorbereitung. Das tat dem Ganzen jedoch keinen Abbruch. Ein Vertreter des Deutschen Schützenverbandes sagte: Das ist ein Schützenfest, wie es nach der neuen Ordnung des Deutschen Schützenverbandes gestaltet werden soll, schlicht und männlich, exakt und sauber sowie unter Vorherrschaft des grünen Rockes. Prominentester Gast, Arbeitsund Sozialminister Konrad Grundmann, bezeichnete das Willicher Schützenfest als eines der größten Feste Nordrhein-Westfalens. Dies wurde von auswärtigen Gästen ehrlichen Herzens dick unterstrichen.
Zum 40. Mal meisterte der 7ojährige Franz Teschen die Rolle des Platzmajors, die er 1922 übernahm. Eine weitere Symbolfigur des Schützenfestes mit Pickelhaube und Monokel, Stabsarzt Otto Dah1er, der in diesem Jahr mit 70 ebenfalls 40 Jahre Medizin an fußkranke Schützen verteilte.
Wie stehen die Unkenrufer nun da, die der Heimatsache einen Rückgang prophezeiten, so schrieb der Heimatdichter, Chronist und Redakteur der Willicher Volkszeitung, Jupp Lenders, nach einem glanzvollen 77. Schützenfest, bei dem übrigens Jean Schmitz mit seinem Ober- und Niederkasseler Tambourkorps zum 35. Mal mit von der Partie war.
1963 wurde das 78. Schützenfest als Sonnenfest gefeiert. Der neue Präsident Max Windhausen ernannte seinen Vorgänger Heinrich Hausmann zum Ehrenpräsidenten.
Nach langer Zeit spielte beim 79. Schützenfest wieder eine Militärkapelle.
Die freundschaftlichen Beziehungen zu der in Willich stationierten englischen Einheit brachten Kontakte zu einer englischen Militärkapelle zustande, die tausende von Zuschauern begeisterte. Erstmalig führte der ASV einen Schießwettbewerb durch und hoch zu Ross sah man Jakob Frantzen als Oberst. Besucherrekorde verzeichnete man beim 80. Jubelfest. Ein restlos überfülltes Festzelt gab es am Montagmorgen. Ein auswärtiger Besucher bemerkte: Das ist doch nicht möglich, soviel Besuch und Begeisterung am Montagmorgen. Geht denn hier niemand arbeiten? In der Tat ist der Montag Höhepunkt im Festverlauf, denn dann send die Williker onger sech.
Nirgendwo in der Welt wurden wir so herzlich aufgenommen wie in Willich, versicherte der Leiter der englischen Militärband "The Sherwood Foresters" die mit ihrem Maskottchen Derby einem Ziegenbock, allerorts von Beifall begleitet wurde.
Schweißperlen, statt Regen, schrieb die Presse beim 83. Schützenfest 1968. Trotz allem gab es keinen Befehl zur Marscherleichterung vom 77jährigen Platzmajor Franz Teschen.
Auf der Ehrentribüne ließ sich Dechant Paul Siepen mit einem Helm des Oberst dekorieren und Bürgermeister Emil Merks sowie Gemeindedirektor Albert Krewinkel sehnen sich, wie Colonel Ltd. Raschen, nach einem kühlen Bier. Eine Auszeichnung gibt es für Musikdezernent Max Bertrams, der 45 Jahre mit dabei ist. Die von der Willicher Firma Beckers erbaute Tribüne hatte ihre Probe bestanden. Zuspruch fand auch die zeitlich neu angesetzte Schützenmesse um 17.00 Uhr nach der Totenehrung am Samstag. Das bedeutete, eine Stunde länger schlafen am Sonntagmorgen, nachdem in früheren Jahren um 7.15 Uhr die Glocken läuteten.
"Eclair". Eine Gruppe französischer Majoretten war Blickfang im Festzug.
Im Vorfeld der Vorbereitungen zum 92. Schützenfest gab es großen Ärger:
Der ASV organisierte eine WDR-Übertragung aus dem Schützenzelt und ein kleines, von der Stadt erlassenes Darlehen zur Mitfinanzierung wurde zum Politikum und, wie so oft, zu einem Gerangel. Trotz
allem erlebten nach Schätzung des WDR rund 30 Millionen Hörer das große Platzkonzert aus dem Willicher Schützenzelt. Oberst Eagle von der englischen Einheit sagte über die Ätherwellen des WDR/NDR 1:
In England gibt es viele Feste, aber keines ist so schön wie das Willicher Schützenfest. Ein junger Amerikaner stellte die Steubenparade in New York gegenüber dem Schützenfest in den
Schatten.
Eine internationale Musikschau begeisterte Tausende. Erstmalig hatte man die Trachtenkapelle aus Auffach/Tirol zu der traditionellen englischen Kapelle und den bedeutenden deutschen Kapellen verpflichtet. Ein Erlebnis, der große Zapfenstreich, der mit drei Nationalhymnen am Montag ein Fest der Superlative ausklingen ließ.
Schlagzeilen, die über weiteren Schützenfesten stehen:
Künstler wie Andy und Ann, Die Globetrotter, Stimmenimitator Kurt Stadel, Tina York sorgen Moontagsabends für Stimmung im Zelt; Hubschrauber startet Rundflüge über Schützenarena; eine historische
Schützengruppe, die "Sturmlöda" aus der Wildschönau in Osterreich begeistert die Zuschauer. Sogar eine Boulevardzeitung berichtet über den Vogelklau in einer Nacht- und Nebelaktion und über die Drill
Sqard beim Salutschießen mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett.
Die Kosten für das 95. Schützenfest überschritten erstmals die 100000-Mark-Grenze. 650 Schützen marschierten in 46 Zügen. Eine Bergmannskapelle aus Mühlbach am Hochkönig/Österreich, die britische Militärkapelle "The Parachute Regiment" und das Heeresmusikkorps 7 der Bundeswehr waren nur drei von insgesamt 14 attraktiven Klangkörpern eines Schützenfestes, das Tausende, alleine der Musik wegen, anlockte.
Ein beliebtes Souvenir wurde der "Original Willicher Schützenkrug", den es für fünf Mark zu kaufen gab. Wenn auch mancher Liter Hannen Alt getrunken wurde, so kredenzten die freundlichen Marketenderinnen der österreichischen Gäste dennoch 25 Liter Obstler.
Trotz großer Hitze und Fußballweltmeisterschaft dominierten die Schützen, schrieb die Presse zum 97. Schützenfest. Geschäftsführer Udo Schiefer wirkte erwarteten Zuschauerrückgängen mit aufgestellten Fernsehgeräten im Festzelt entgegen. Im Mittelpunkt stand die von Frau Bürgermeister Käthe Franke, Platzmajor Peter van der Velden und ASV-Präsident Hans Kuhlen eingeladene Kornblumenkönigin der Steubenparade, Debby Kroenke. Man lernte die sympathische Deutsch-Amerikanerin in New York kennen. In den Reihen der Ehrengäste galt ebenfalls dem frisch gebackenen Willicher Weltmeister im Springreiten, Norbert Koof, der Beifall von vielen tausend Zuschauern.
Lässt man das 99. Willicher Schützenfest, das die sogenannte Generalprobe zum 100. werden sollte, einmal außer acht, so sind auch schon beim 98. Schützen- und Heimatfest Mitgliederzuwachs und auch Steigerungen der Aktivitäten, beim Schmuckwettbewerb sowie beim Schießwettbewerb, zu verzeichnen.
Kurz und gut, die Schützenfestbegeisterung wächst allerorten. Gebührend gestaltet wurde auch der Ball der Zugkönige am Montagabend im Festzelt. Das Zelt wurde wieder einmal zur Sauna und Hitzerekorde brachten dem ASV sogar Schlagzeilen der Boulevardpresse, nämlich: Schützenkönig fällt in Ohnmacht. Gemeint war Günther III. Baumeister, der in der Tat den Temperaturen auf dem Königspodest während der zweistündigen Superschau mit Füllhornovationen, Musikexerzieren und Paraden nicht standhielt.
Stehvermögen hatten indessen die Schützen, gleich, ob bei Paraden, Umzügen oder an der Riesentheke im Festzelt - wie vor 100 Jahren.
Quelle:
Buch: Festschrift zum 100. Schützen- und Heimatfest
Herausgeber: Allgemeiner Schützenverein 1886 e.V. Willich / Karl Kothen
